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Moebius17 - DVD
Man danke der Demokratisierung der Produktionsmittel. Es ist nicht mehr unmöglich, ohne Filmförderung, entsprechendes Studium oder schlicht die Finanzierungscouch seinen eigenen Film zu machen. Moebius17 ist so ein Kandidat, der nur mit Ausdauer, einer mehr oder weniger gesunden Portion Wahnsinn und dem Willen zum Machen entstanden sein muß.
Die Story ist schnell erzählt. Einer und Anderer, Berliner Sprayer, bomben eine U-Bahn. Plötzlich auftauchender Sicherheitsdienst verhindert die Dokumentation mittels Fotografie und die weitere Suche nach dem Zug bleibt erfolglos. Kurz vorher haben die "Städtischen Betriebe" einen neuen Quertunnel eingeweiht und die seltsamen Begebenheiten häufen sich. Ist es den Schienenkönigen etwa gelungen, durch geschicktes Anlegen zusätzlicher Tunnel das Tor in eine andrer Dimension zu eröffnen? Der Zug bleibt verschwunden, Einer macht sich auf die Suche und gerät auf einen Quantenphysiktrip.
Und das bezeichnet weite Teile des Films, also die zweite Hälfte mindestens. Als Physikabstinenten hatte es mich aus welchen Gründen auch immer schon länger interessiert, was eigentlich Schrödingers Katze ist. Jetzt weiß ich es, weil es mir ein durchgeknallter Writer erklärt hat. Kommt eher selten vor, derart in doch relativ abgefahrene Theoriebereiche eingeweiht zu werden. Hier liegt auch eine Schwäche des Films: teilweise mutet er an wie eine verspulte Physiknachhilfe und hat dort einfach Längen. Nur mal so nebenher für einen lustigen Abend ist nicht, den Verstand sollte man noch nicht durch die Pfeife geblasen haben. Das Ende bleibt natürlich offen, wie es sich gehört.
Schön ist die ganze Ästhetik, mehr schwarze als weiße DV-Aufnahmen, die einfach immer schief sind. Ungewohnt und erhöht das Risiko auf Nackenstarre, aber interessant. Im Interview erklärt Frank 'esher' Lämmer, warum: "Emotional bedeutet sie die schiefe Ebene des Bewußtseins(...) Schräg, schief, vielleicht etwas verrückt. Aber es gibt auch technische Gründe: Es war nicht immer genug Zeit ein Stativ aufzubauen, bzw. wurden wir mit Stativ oft vertrieben, das sieht halt nach Dreh aus. Ohne Stativ habe ich dann von Fahrkartenentwertern und Wänden gefilmt. Die beste Art die Kamera zu stabilisieren war das LCD-Display auszuklappen und dann schräg zu legen". Der Film kommt nicht nur ohne Förderung, sondern auch ohne jede Drehgenehmigung aus.
Man verläßt also das Terrain des konventionellen Graffitifilms und erfindet mit dem Graffiti-Science-Fiction gleich mal ein neues Genre, was keine schlechte Idee ist. Das Vorbild "Moebius" war 1996 der Abschlußfilm einer Filmhochschule in Buenos Aires und wurde einfach mal, nun, inhaltlich gesamplet und mit Writerversatzstücken versetzt. Wenn da mal nicht die üblichen Rechteverweser hellhörig werden, was beim Soundtrack wohl schon ansatzweise der Fall war (Zitat von der sehenswerten Webseite: "Die Originalversion von Moebius17 hat einen Tango von Astor Piazzolla, den 'Libertango', als Grundthema. Der Gema und den Verlegern und Subverlegern sei gedankt, dass wir unsere eigenen vier Versionen dieses Songs von Prinz Porno, der Piazzollacombo und Stanislav in die Tonne schmeissen mussten") .
Alles gemahnt sehr an den Opus Magnum Arronofskys, "Pi". Die durchgeknallte Atmosphäre und die Physikmonologe Einers (Johannes Benecke) sind dich dran an der Paranaoia Max Cohens, dem Mathematiker aus "Pi". Das will dem Hauptdarsteller Benecke leider nicht immer gelingen, mitunter kommt es zu verrückt und demnach gekünstelt herüber. Als Chef der "Städtischen Betriebe" übrigens Arno Funke, der mit seiner Achtzigerjahre-Frisur aussieht, wie aus den Laboratories Garnieres entlaufen und dem einen oder anderen wohl noch als der Kaufhauserpresser Dagobert bekannt ist.
Moebius17 hat mich mit einem Widerstreiten der obligatorischen zwei Herzen hinterlassen. Einerseits ist die Story einfach zu abgehoben und die Tonqualität mithin einfach nur mies. Andererseits steckt da anscheinend fässerweise Herzblut drin und das kann man ja nicht hoch genug bewerten, auch wenn das Gegenteil von "gut" "gut gemeint" ist. Das Handwerk stimmt ja auch.
Aber das war ja noch nicht das Ende. Auf der DVD folgt dann "the real moebius hardcore", ein knapp halbstündiger Puppenfilm, der den vorhergehenden Streifen einfach mal locker auf den Arm nimmt. Brake und Snake sind zwei zweidimensionale -surprise, surprise- Writer, die nach Betrachten des Films -na?- Moebius17 herausfinden wollen, wo der Zug denn jetzt eigentlich abgeblieben ist. Es folgt A-Cappella-Physik-Schwachsinn vom Feinsten, den man ohne den teilweisen Gewaltmarsch durch das "Original" und einen Hang zur gepflegten Verschwörungstheorie aber nicht nachvollziehen können wird. Hier wird zitiert ohne Ende und der nicht gerade weite Horizont der Protagonisten tut sein übriges für einige Lacher. Süßlich wird es, wenn sich die weiblichen Waggons unterhalten und der Sprayer kommt um sie zu "schminken".
"Hardcore" ist auch das Fazit. Anstrengend, interessant, lang und unterhaltsam. Intellektuelles Krawallkino für die Minderheit mit einem Schuß streetwisdom. Reguläre Homies sollten die Finger davon lassen und in Caps investieren, dem Rest sei die Moebius17-DVD-Box ans Herz gelegt und sei es nur wegen des ambitionierten Hintergrundes. Ausgeliefert wird die Box mit einem 76 (!) seitigen Booklet, das entscheidende Fragen vertiefend erläutert und keine unwichtige Rolle für das Verständnis des Films spielt.