Zug und Trug

Großes Graffitikino

Das HipHop-Filmfestival "Rhythm of the Line" zeigt in Spielfilmen und Dokumentationen die ganze Geschichte von Breakdance, Rap und Graffiti

Im Rahmen des Internationalen Graffiti- und HipHop-Filmfestivals »Rhythm of the line« hatte am Sonntag in Berlin-Kreuzberg der Film »Moebius 17« Kinopremiere. Auf DVD ist er bereits erschienen (plus Bonusmaterial: »The real Moebius Hardcore« – eine Pappuppenpersiflage auf den Hauptfilm, der ohne Budget produziert wurde, also auch ohne Drehgenehmigungen).

Worum es geht: Zwei Vollblutsprayer kommen auf der Flucht vor Sicherheitskräften nicht zum Fotografieren eines besprühten Zuges. Der Zug verschwindet nach der Aktion mysteriöserweise aus dem Fahrplan der Bahnbetriebe. Der in eine Schmiergeldaffäre verstrickte Chef der Bahnbetriebe wird übrigens von Arno Funke gespielt, der als gewiefter Kaufhauserpresser Dagobert bekannt sein dürfte.

Es sind zwei Welten, die in dem Sechzigminüter von Esher und Jo Preußler einander gegenübergestellt werden: Chaos und Ordnung, Anarchie und Gesetz. Die Bahngesellschaft versucht, das Verschwinden des Zuges logistisch zu erklären. Einer der beiden Sprayer dagegen zieht äußerst abgespacete physikalische Modelle in Erwägung: Hat der Zug beim Bau einer Querverbindung ein Tor in eine andere Dimension geöffnet? Wiederholt berauscht sich der Dosenmeister an dem Satz: »Je größer das Gebiet ist, mit dem wir es zu tun haben, desto größer ist die Möglichkeit, daß dann irgendwo, irgendwann unwahrscheinliche Dinge geschehen.«

Beide Seiten suchen den Zug also auf ihre Weise. Wird er von der Bahngesellschaft wieder integriert? Bleibt er ausgekoppelt? Kann er von den Untergrundpiraten gefunden und besetzt werden? Verraten sei, daß Bahn- und Offkultur bis zum Schluß völlig unvereinbar bleiben in einem Film, der passenderweise nur nachts spielt.

* »Moebius 17«; D 2004, Regie: Esher und Jo Preußler, 60 min, www.moebius17.de, DVD

30.03.2005, Junge Welt, Feuilleton, Alexander Hahn